AZ-Pokal extra vom 23. September 1997


„Führender Verein sucht begabten Spieler für Oberliga“
Weg eines TSV-Idols von Leipzig zum Tivoli

Man mag es kaum glauben, daß sich Alemannia Aachen und der VfB Leipzig in all den Jahren ihres Bestehens noch nie auf dem Platz gegenübergestanden haben. Ein Aachener Fußball-Denkmal – Gerd Richter – stammt aus Leipzig. AZ-Mitarbeiter Franz Creutz zeichnet zusammen mit ihm die Achse Leipzig – Aachen nach.

Einmal ist immer das erste Mal. So müssen wohl auch im Frühjahr 1896 einige fußballbegeisterte Sachsen gedacht haben, die sich zum „Verein für Bewegungsspiele Leipzig“ zusammenschlossen. Wenn wundert es da, daß sie 1903 der 1.Deutsche Fußball-Meister überhaupt wurden, diesen Erfolg 1906 und 1913 wiederholten und 1936 den zum zweiten Mal ausgespielten DFB-Pokal gewannen. In der Leipziger Mannschaft, die in diesem Pokalfinale im neuen Berliner Olympiastadion den Schalker Kreisel um Szepan und Kuzzora nicht auf Touren kommen ließ, stand auch ein Läufer namens Richter. Dieser war jedoch weder verwandt noch verschwägert mit dem Jungen Gerd Richter, dessen Elternhaus in unmittelbarer Nähe des VfB-Platzes in Probstheida stand, und der somit fast zwangsläufig schon in der Schülermannschaft des VfB Leipzig dem Ball nachjagte. Leider wurde nicht nur für ihn die Freude am Fußball durch die Ereignisse der Zeit getrübt. Bomben prägten den Alltag, und so zog auch der jugendliche Richter noch ins Feld, das mit dem grünen Rasen nicht das Geringste zu tun hatte.

Als er aus dem Krieg zurückkehrte, war zwar Deutschland völlig zusammengebrochen und in West und Ost geteilt, doch die Liebe zum Fußball war nicht unter den Trümmern verschüttet worden. Nur den VfB Leipzig gab es nicht mehr, vielmehr gründeten sich in der sowjetisch besetzten Zone dem neuen System entsprechend sogenannte Betriebs-Sportgemeinschaften. Diese ungewisse oder fehlende sportliche Perspektive war wohl mit ein Grund dafür, warum Gerd Richter seine Heimatstadt Leipzig verließ und in den Westen ging. Über Bergedorf 85 kam er zu Bremerhaven 93 und machte in der Oberliga Nord unter dem Trainer Helmut Johannsen durch gute Spiele auf sich aufmerksam.

Etwas seltsam war die Art und Weise, wie der Kontakt zu Alemannia Aachen zustandekam, schon. "Im Kicker stand eine Anzeige: 'Führender westdeutscher Oberligaverein sucht überdurchschnittliche Spieler'", erinnert sich Gerd Richter. "Darauf habe ich geschrieben, wurde eingeladen, fuhr abends mit dem Zug in Bremerhaven los und morgens hat mich der Trainer Hermann Lindemann am Aachener Hauptbahnhof abgeholt. Wir sind dann sofort zum Platz gefahren, er hat mit mir trainiert und wollte danach gleich einen Vorvertrag machen."

Lindemann ist übrigens bis heute der Alemannia-Trainer, der am häufigsten bei Pokalspielen, nämlich 15 Mal, auf der Trainerbank saß. Werner Fuchs, der mit dem Spiel gegen den VfB Leipzig die Alemannia zum zwölften Mal bei einem Pokalspiel betreut, könnte schon in diesem Wettbewerb gleichziehen ...

Zurück in die 50er Jahre. Gerd Richter wechselte zur Alemannia und erwies sich als der gesuchte überdurchschnittlicheSpieler. Aus der Stammelf war er nicht mehr wegzudenken, wovon 185 Spiele und 17 Tore in der Zeit von 1952 bis 1960 eindrucksvoll Zeugnis geben.

Auch außerhalb des Platzes engagierte er sich für den Verein. Über Jahre war er verantwortlich für die Werbung über den Stadionlautsprecher und Herausgeber der Stadionzeitschrift 'Tivoli-Sportvorschau'. Später nach seiner aktiven Zeit ging er als Mitglied des Spielausschusses auf Talentsuche für die Alemannia und bereitete so manchen Spielertransfer in den 70ern vor.


Sportlich, beruflich und familiär hat Gerd Richter in Aachen eine neue Heimat gefunden, doch wie lief der Fußball jenseits des eisernen Vorhangs in seiner alten Heimat Leipzig. Nach mehreren Umbenennungen wurde dort unter dem Namen 1.FC Lokomotive ab 1966 in der DDR-Oberliga Fußball gespielt. Zu Meisterehren konnten es die Messestädter zu Zeiten des real existierenden Sozialismus nicht bringen, dies war überwiegend den Dynamo-Mannschaften aus Berlin und Dresden vorbehalten. Dafür gewannen sie viermal den Pokalwettbewerb, und kamen 1987 sogar im Europapokal der Pokalsieger bis ins Finale, das sie aber in Athen gegen Ajax Amsterdam mit 0:1 verloren.


Drei Jahre später waren es wieder zeitgeschichtliche Ereignisse, die auch Einfluß auf den Fußball in Leipzig hatten. In Berlin fiel die Mauer und in Deutschland wächst wieder das zusammen, was zusammengehört. Im Zuge der Wende gab sich der Verein wieder seinen alten Namen VfB Leipzig und spielt seitdem in der 2.Liga, bis auf ein Intermezzo 1993/94 in der Bundesliga.

Noch einmal zurück zu Gerd Richter, der Anfang August 70 Jahre alt wurde. Der Alemanne aus Sachsen wird selbstverständlich beim Pokalspiel von Alemannia Aachen gegen den VfB Leipzig wieder auf seinem Stammplatz auf der Haupttribüne sitzen.

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